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Westwindzirkulation im Sommer - paradox oder nicht?

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Willi
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Westwindzirkulation im Sommer - paradox oder nicht?

Beitrag von Willi » Sa 8. Jun 2019, 09:16

Doch Vorsicht: Nach langjährigen Statistiken (bei denen man sich allerdings fragen muss, welchen Wert sie im rasch wandelnden Klima noch haben) ist der Juni jener Monat, in dem die meridionale Frühlingszirkulation mit starkem Nord-Süd-Ausgleich allmählich auf sommerliche Westwindzirkulation umstellt.
(Zitat https://www.orniwetter.info/monatsprognose-juni-2019/)

Habe mal eine Verständnisfrage. Weshalb ist (oder vielleicht besser gefragt "war" in der Vergangenheit) im Sommer eine Westwindzirkulation vorherrschend? Der Temperaturgegensatz Nord-Süd ist doch in dieser Jahreszeit am geringsten, somit sollten meridionale Lagen mit viel Nord-Süd Austausch im Sommer vorherrschen.
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Re: Westwindzirkulation im Sommer - paradox oder nicht?

Beitrag von Federwolke » Sa 8. Jun 2019, 11:27

Nun ja... die Sache ist viel komplexer, als einfach nur Nord-Süd-Gefälle. Angetrieben wird die Westwindzirkulation vom Jetstream. Will man dessen Erstarken und Schwächen verstehen, muss man erst mal wissen, was den Jetstream antreibt, und was ihn ausbremst. Die Nord-Süd-Unterschiede sind das Eine, aber in den letzten Jahren hat man immer mehr begriffen, dass es noch weitere Einflussfaktoren gibt, insbesondere aus der Stratosphäre (Ozongehalt beispielsweise). Dann stellt sich wiederum die Frage, wie sehr die Verhältnisse und Veränderungen an der Erdoberfläche die Stratosphäre beeinflussen und umgekehrt, und was gleichzeitig mit all den Schichten dazwischen passiert. Manche Dinge erscheinen rasch begreifbar, bei anderen Faktoren muss ich ganz ehrlich gestehen, dass mir der Durchblick fehlt.

Immerhin lässt sich der Einfluss der Oberflächentemperatur auf die Tiefdruckentwicklung relativ gut erklären: Wo die stärksten Temperaturunterschiede auftreten, entstehen Tiefdruckgebiete. Recht anschaulich kann man das an der Südhalbkugel sehen: Dort liegt eine grosse vergletscherte Landmasse genau auf dem Pol, rundherum gibt es nur Ozean, entsprechend ist die Westwindzirkulation dort ganzjährig extrem stark.

Auf der Nordhalbkugel ist die Sache aufgrund der Land-Meer-Verteilung ungleich komplexer. Und wenn die Meereisfläche in der Arktis stetig schrumpft, verändern sich die Temperaturverteilungen massiv, nicht zuletzt auch wegen der abnehmenden Albedo. Und plötzlich haben wir eine ganz andere geographische Verteilung, wo sich Hoch- und Tiefdruckgebiete bilden mit sich entsprechend verändernden Luftströmungen dazwischen. In diesen Jahren bekommen wir vorgespielt, dass diese Veränderungen viel rascher geschehen und auf unser Wetter Einfluss nehmen als die schon viel länger ins Auge gefasste Abschwächung des Golfstroms.

Aber um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen: Zu welcher Jahreszeit sind die Temperaturunterschiede, die den Westwind anfachen, wo am stärksten ausgeprägt? Im Winter war es (bisher) am einfachsten: Norden eisig, Süden gemässigt warm, ergo starke Westwindzirkulation. Aber schon hier gibt es Unterschiede, weil die Ozeane sich nicht immer gleich brav verhalten (einen Exkurs zu deren Ursachen lassen wir jetzt mal, sonst werden wir nie fertig ;) ). Und schon haben wir Winter mit starker oder schwacher NAO und völlig unterschiedlichen Zirkulationsmustern. Im Sommer haben wir dieses Nord-Süd-Gefälle auch, aber weniger ausgeprägt. Entsprechend ist die Westwindzirkulation im Sommer schwächer als im Winter, und sie liegt im Schnitt etwa 10 Grad nördlicher. Aber: Sie ist da. Und dann sind noch die Übergangsjahreszeiten, wo so ziemlich alles auf den Kopf gestellt wird. Abhängig davon, wie schnell die Schneeschmelze (wiederum abhängig davon, wie viel Schnee im Winter gefallen ist) voranschreitet, erwärmen sich die Kontinente sehr rasch, während das Wasser noch lange kalt bleibt. Oft haben wir dann die extremsten Temperaturunterschiede nicht mehr zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Land und Meer (also eher zwischen West und Ost oder umgekehrt, je nachdem auf welcher Seite der Kontinente). Und nicht nur das Wasser erwärmt sich verzögert, sondern auch die Luft in höheren Schichten, entsprechend nimmt das Temperaturgefälle über Land zwischen Boden und Höhe zu --> stärkere Labilität, ebenfalls ein Antrieb für Tiefdruckgebiete. Im Spätsommer ist es dann umgekehrt: Während sich die die nördlich gelegenen Landmassen bei sinkendem Sonnenstand bereits wieder abkühlen, erreichen jetzt die Meere die höchste Temperatur im Jahresverlauf, entsprechend sind die Temperaturunterschiede zwischen Meer und Land ebenso wie jene zwischen Boden und höheren Luftschichten nur noch gering --> der Frühherbst ist entsprechend die beste Jahreszeit für stabile Hochdruckgebiete über Mitteleuropa, wenn nicht gerade Hurricanes auf Abwegen in die Suppe spucken.

Abschliessend ein paar Merkzahlen zu der statistischen Häufigkeit der Grosswettertypen zur Verdeutlichung:
Maximum Westlagen: Dez./Jan. sowie Juli/August (!) Minimum Westlagen: April/Mai
Maximum Nordlagen: April-Juni, Minimum Nordlagen: Dez./Jan.
Maximum Ostlagen: Mai, Minimum Ostlagen: Juli/August (!)
Maximum Südlagen: April/Mai und Okt./Nov., Minimum Südlagen: Jan.-März
Maximum Hoch Mitteleuropa: Sept., Minimum Hoch Mitteleuropa: April/Mai
Maximum Tief Mitteleuropa: April/Mai, ein deutliches Minimum lässt sich nicht klar erkennen, die Wetterlage ist mit Ausnahme des Frühlings ganzjährig selten (Anteil 1-2 %)
Quelle: PIK Potsdam, Relative Häufigkeiten der GWL und GWT für den Zeitraum 1881-2008 nach dem Grosswetterkatalog von Hess & Brezowsky

Bin dann gespannt über die neuen GWL-Verteilungen ab der Jahrtausendwende. Vielleicht mache ich das mal, wenn die 20 Jahre voll sind (besser wäre natürlich ein längerer Zeitraum, aber wer mag schon so lange warten...?)
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Willi (Sa 8. Jun 2019, 13:30) • Necronom (Sa 8. Jun 2019, 15:04) • Matthias_BL (Mo 10. Jun 2019, 13:05)

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